Mittwoch, 24. Juni 2015

IS-Kämpfer Mario S.: "Geld, Bitches, Kaviar"

Er kommt aus Leverkusen und gilt mittlerweile als Veteran unter deutschen Djihadisten. Mario S. alias Abu Zubayr al Almani reiste 2013 nach Syrien aus und schloss sich dort islamistischen Terrorbrigaden an. Heute kämpft er für den Islamischen Staat (IS).

Kämpfer des Islamischen Staates


Mario S. gehört zum fanatischsten Kreis deutscher IS-Kämpfer. Das zeigt er auch gerne. Auf einem Foto posiert er mit einer Pistole in der linken Hand, einem langen Messer in der rechten und einer Kalaschnikow zwischen seinen Beinen. Er warnt damit in sozialen Netzwerken den "Kuffar" die Köpfe abzuschneiden.

Der heute 25-jährige Italiener aus Rheindorf zog bereits im Jahr 2013 in den Djihad und hat den Krieg bisher unverletzt überstanden, wie er "Erasmus Monitor" gegenüber berichtete. Er fühle sich vom IS gut behandelt. Warum er ausgerechnet zum IS gegangen sei? Es habe "so viele Gründe dafür" gegeben sich den irakischen Terroristen anzuschließen, so Mario S.. Es existierten bereits staatliche Strukturen im Herrschaftsgebiet des IS, Rechtsprechung und administrative Einrichtungen. Al-Qaeda in Syrien, in deren Dienst sich ebenfalls Dutzende Deutsche gestellt haben, sei für ihn nur eine Marionette des Westens. Deswegen hätte er sich auch gegen die Gruppe entschieden.

Möglicherweise kämpft der Rheindorfer derzeit mit seiner Kampfeinheit in der irakischen Provinz Nineveh. Darauf deuten seine Internetaktivitäten hin. Deren Provinzhauptstadt ist die IS-Hochburg Mossul, in der sich ebenfalls zahlreiche deutsche Kämpfer aufhalten.

"Geld, Bitches, Kaviar"

Früher pflegte Mario S. einen ausschweifenden Lebensstil. Er trank Alkohol, traf sich mit Mädchen und reagierte seine angestauten Aggressionen in einem Boxclub im Leverkusener Stadtteil Opladen ab. Vor seiner Zeit bei den Islamisten, inszenierte er sich als Gangsterrapper und prahlte mit Geldbündeln, Waffen und Frauen. Von ihm verfasste Verse wie "Ich bin kein guter Junge, ich mache immer alles kaputt" oder "Ich will kein Leben mehr voller Sorgen, ich will Geld, Bitches, Kaviar [...]" verdeutlichen, dass Mario eine schwierige Pubertät hatte, in der er Regeln und Normen provokant zu verletzen versuchte.

Er besuchte die Hauptschule und war laut Lehrern ein eher unauffälliger Schüler. Als Kind italienischer Gastarbeiter gehörte Mario neben jungen Türken zu einer Gruppe, die in Deutschland überdurchschnittlich häufig zu den Bildungsverlierern  zählen (Luft 2009). Ob er selbst nach seinem Schulabschluss eine berufliche Perspektive hatte, ist ungewiss. In Solingen will er eine Ausbildung zum Elektroniker für Antriebsmechanik gemacht haben.

Trotz seines inszenierten Lebensstils als Macho, plagten Mario auch die typischen Sorgen eines Teenagers. Liebeskummer und Verlustschmerz stellten sein von Männlichkeit beherrschtes Weltbild zunehmend in Frage. Zu seinen Staffordshire Terriern hatte er ein inniges und liebevolles Verhältnis. Auch seine Familie war ihm immer wichtig gewesen. Er widmete ihnen Songs und knüpfte sein Schicksal an das seiner "Schätze".

Radikalisierung im Umfeld von DITIB

Wahrscheinlich ermunterten Marios Freunde aus dem Umfeld des Opladener Boxclubs, sich dem Islam zuzuwenden. Er las viel im Internet über die Religion und informierte sich in islamistischen Foren sowie auf einschlägigen Seiten über das Leben eines Salafisten. Prediger wie der mittlerweile räuige Berliner Abdul Adhim Kamouss und andere seinerzeit mit der Djihad-Rhetorik spielende Islamisten, sprachen Marios Sehnsüchte an und gaben ihm Antworten auf Fragen zum Sinn des Lebens und was nach dem Tod geschieht.

Dann, im Jahr 2011, entschloss sich Mario zu konvertieren. Er rief beim Kölner Prediger Ibrahim Abou Nagie an. "Ich merkte, dass das der richtige Weg für mich ist", erzählte er dem bekannten Salafisten. Der Prediger appellierte an Mario: "Fang erstmal mit dir selber an, dass du den Islam richtig praktizierst und das du ein Vorbild für den Islam innerhalb deiner Umgebung sein wirst." Er könne sich jederzeit bei ihm melden und um Rat fragen. Wohin er zum Beten hingehen könne, wollte der Leverkusener wissen. Solingen? Abou Nagie riet ihm zu einer marrokanischen Moschee. Gemeint war wohl die Al-Muhsinin-Moschee in Rheindorf.

Mario S. in der DITIB-Moschee in Leverkusen
Bilder legen jedoch nahe, dass Mario nach 2011 häufig in der "Mimar Sinan Camii"-Moschee verkehrte. Die muslimische Gemeinde gehört der türkischen Dachorganisation DITIB an, der von Verfassungsschützern nicht nur rechtslastigen Ultranationalismus unterstellt wird, sondern auch Verbindungen zu rechtsextremen Kreisen wie den "Grauen Wölfen", die die Wiederherstellung eines großtürkischen Reiches unter Führung der heutigen Türkei anstreben.

Zwar stehen sich Salafisten und Ultranationalisten ideologisch feindlich gegenüber, jedoch boten Organisationen wie DITIB den Islamisten lange Zeit Raum zur Rekrutierung neuer Anhänger. Recherchen mehrerer Journalisten zufolge, soll sich auch die Lohberger Djihadjistengruppe aus Dinslaken, darunter die mittlerweile getöteten Phillip Bergner und Mustafa Kalayci, im Umfeld von DITIB radikalisiert haben.

"Und dann 20 Jahre bekommen?"

So auch wahrscheinlich Mario S.. Im Internet inszenierte sich der Konvertit fortan nicht mehr als Krimineller, sondern als tiefgläubiger Muslim mit Hang zu antisemitischen und antiwestlichen Hasstiraden. Gute Kontakte pflegte er wohl zudem nach 2011 zu Personen aus dem Solinger Umfeld von "Millatu Ibrahim". Für deren Ableger "Ansarul Shariah" bzw. "Ansarul Aseer" veröffentlichte er 2012  mehrere Nasheeds. Mario bestritt im Gespräch direkte Kontakte zu Mohamed Mahmouds Gruppe. Alle Leute aus Solingen habe er erst später in Syrien kennengelernt.

Warum sich S. letztlich für den Djihad entschied, bleibt im Dunkeln. Der syrische Bürgerkrieg und die im Jahr 2012 zunehmenden Konfrontationen mit Rechtsradikalen und staatlichen Behörden, dürften einflussreiche Faktoren gewesen sein. Auch die Salafisten in Leverkusen, aus deren Reihen möglicherweise ein weiterer Mann nach Syrien gereist war und wohl wieder nach Deutschland zurückgekehrt ist, dürften maßgeblichen Anteil an Marios Entwicklung gehabt haben. Zu einigen "Brüdern" aus seiner Heimatstadt hält S. bis heute ständigen Kontakt.

Links: Denis Cuspert/Rechts: Mario S.
Über die Türkei reiste Mario 2013 schließlich nach Syrien aus. Seine Familie war ahnungslos. Zu ihnen, so berichtete Mario "Erasmus Monitor", hält er trotz seines Verschwindens weiterhin Kontakt. Man müsse trotz des Abschieds seine Familie ehren, so Mario. Eine Rückkehr nach Deutschland schließt er heute aus, denn er weiß auch, dass die Generalbundesanwaltschaft und das BKA gegen ihn wegen der Mitgliedschaft einer terroristischen Vereinigung und der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Strafttat ermitteln. "Und dann 20 Jahre bekommen?", so Marios Kommentar.

Was er in der ganzen Zeit in Syrien und im Irak getrieben hat, bleibt weitgehend unklar. Er beteiligte sich in jedem Falle an Kämpfen gegen die irakische und syrische Armee. Zahlreiche Bilder und Videos darüber hat er in der Vergangenheit ins Internet gestellt. Auch hochrangige deutsche IS-Kämpfer wie Denis Cuspert und Silvio Koblitz traf er in Syrien. Ob seine Furcht vor einer lebenslangen Haft im Zusammenhang mit schweren Gewalttaten steht, die er begangen haben könnte, wollte er im Gespräch nicht sagen.

Früher schrieb Mario einmal in einem Rap-Text:

"Das Leben ist nicht leicht.
Man geht Wege und man weiß nicht, ob diese Wege richtig sind,
doch ich weiß, ich gehe meinen Weg bis zum Ende."